Der Spittelberg
Die erste Häuseransammlung in der Nähe des heutigen Spittelberges
hieß Zeismannsbrunne. Dieser Ort wurde schon um 1000 urkundlich erwähnt.
Zwischen 1302 und 1425 wurde das Dorf in "St. Ulrich" umbe-nannt,
nach einer in Verehrung dieses Heiligen 1211 erbauten Kapelle. Zu dieser Zeit
umfaßte die Gemeinde etwa 50 Anwesen, vorwiegend von Weinhauern bewirtschaftet.
Unweit entfernt, in der Neubaugasse und Kirchengasse, fand man römische
Münzen aus dem 4. Jahrhundert. In der Gegend zwischen Burggasse und Lerchenfelderstraße,
die ebenfalls zum St. Ulrichsgrund gehörte, soll - so wird angenommen -
der Leichnam des im Lager Vindobona im Jahre 180 n. u. Z. verstorbenen Kaisers
Marc Aurelius mit großem Pomp verbrannt worden sein.
Das Gebiet des heutigen Spittelberges war Weideland. 1525 erwarb das Bürgerspital
diese Gründe. Die älteste bekannte Bebauung am "alten" Spittelberg
selbst stammt nach historischen Aufzeichnungen aus dem Jahr 1568. 1675 kaufte
Sigmund Freiherr von Kirchberg die Gründe, parzellierte sie und gab einen
Klafter (1,90 x 1,90m) um einen Gulden jährlich an Neuansiedler weiter.
Zum Vergleich: Ein Architekt verlangte für seinen Hausbauplan 5 Gulden.1692
kaufte das Bürger-spinal den Erben Kirchbergs die Gründe wieder ab.
Innerhalb kurzer Zeit entstanden 120 Häuser. Das kleine Dorf, das sich
in diesem Vorland Wiens heranbildete, nannte man auch "Crobotendörfl",
da die Bewohner hauptsächlich "Gastarbeiter" aus Kroatien (aber
es gab auch Bewohner aus Spanien, Italien oder der Türkei und Ländern
der alten Monarchie) waren, die vor allem in den umliegenden, aus steuertechnischen
und anderen Gründen vor Wien entstandenen Manufakturen beschäftigt
wurden. Man nennt heute den Spittelberg gerne "das Dorf in der Stadt",
seine Entwicklungsgeschichte hingegen ist die eines Slums, bewohnt von Außenseitern,
eine Gegend voll Not und Elend, die aufgrund der ständigen Armut ihrer
Bewohner heute noch über viele alte Häuser verfügt. Die Leute
hatten einfach nicht genügend Geld für Um- oder Neubauten.
Der Spittelberg war nie ein Dorf. Da gab es nie einen Dorfplatz, eine Kirche,
ein Wirtshaus am Hauptplatz. Der Spittelberg war der Ort der Verelendeten, der
Außenseiter, die vor den Stadttoren Wiens darauf warteten, eine Chance
zu bekommen, hineinzudürfen, um in der Stadt arbeiten und sozial aufsteigen
zu können. Daß der Spittelberg im alten Zustand bis heute (oberflächlich
gesehen) im Kern bewahrt werden konnte, ist das Ergebnis von seltsamen Zufällen,
denn ab der Jahrhundertwende gab es immer wieder Bemühungen, das Viertel
aus Spekulationsgründen abzureißen. Später wurde aus Spekulationsgründen
saniert.
Der Spittelberg war also der Ort, an dem sich die Leute sammelten, um auf die
Chance zu lauern, in die Stadt aufgenommen zu werden. Mitglied der Gemeinschaft
derer, die viel weiter außerhalb der Stadt, in den schönsten Gegenden,
Schlösser bauen ließen. Die Stadt und mit ihren Bewohnern schien
reich zu sein (Die Armut vieler Städter war nicht so sichtbar wie der Glanz
der Adeligen...) Die Stadt brauchte Nahrung, Kleidung und andere Waren. Aber
die Stadt produzierte nur wenig davon - und war trotzdem reich. Alles kam von
"draußen". Die Fuhrleute, die die Waren heranschafften, mußten
an den Stadttoren Zölle bezahlen. Das Essen und Übernachten war außerhalb
der Stadtmauern, in den Vororten billiger. An einem Ort wie dem Spittelberg
kehrten sie ein, warteten auf den Morgen und kehrten am Abend wieder zurück,
bevor sie mit dem Fuhrwerk in Richtung Heimat aufbrachen.
Der Spittelberg ist kein gewachsener Ort, sondern auch ein militärisch-strategisch
wichtiger Punkt, ein Berg, von dem aus man Einsicht hatte auf das "Bollwerk
Wien". Und so ist die Geschichte dieses Häusergeviertes, das noch
an die "gute alte Zeit" erinnert, geprägt von auffälligen
Ähnlichkeiten mit Problemen der sogenannten 3. Welt unserer Zeit: Trotz
Arbeit und Produktivität außerhalb der Städte geht es den Landarbeitern,
den Manufakturarbeitern schlecht. Keine Rechte aber viele Pflichten gegenüber
den Grund- und Manufakturherren, die Sitz oder Wohnung in der Stadt hatten.
Das Landproletariat hoffte auf eine Verbesserung der Lebenssituation in den
Städten. Die Stadt ist scheinbar die Zukunft! Und vom Berg des Bürgerspitals
aus konnte man diesen Luxus schon sehen, war ihm schon sehr nahe. Das erkannten
aber auch die Feldherren. Und so wurde die Geschichte des Spittelberges eine
Historie zwischen Prostitution, Pest und Massenelend. Die Geschichte des Spittelberges
ist die vom "Lieben Augustin", Türken- und anderen Kriegen und
den Spittelbergliedern. Wieder und wieder bauten die Leute ihre Häuser
hier auf und schauten hinunter auf die Stadt der schützenden Mauern, wo
sie die Chance auf ein besseres Leben witterten. Als um 1850 die Menschen, die
da so dicht aneinander hausten wie kaum anderswo in und um Wien, sich auf eine
eigenständige "Spittelberg"-zugehörigkeit einschwörten,
waren sie bereits von der Stadt wegen neuer ökonomischer Notwendigkeiten
eingemeindet worden. Nach dem Ersten Weltkrieg "öffnet" sich
die Stadt. Der Spittelberg als Vorort verliert seine Bedeutung. Die Fuhrleute
sattelten rechtzeitig auf andere Tanzsport-Geschäfte um. Die Huren folgten
ihnen. Ein Grätzel wie der Spittelberg war zu verlottert, um abgerissen
zu werden. Als sich die Stadt zur "City" entwickelte, waren diese
Häuser schon so alt, daß sie aus musealen Gründen erhalten werden
mußten.
Rettung eines Viertels
Wer nur irgendwie konnte, versuchte - spätestens ab der Wende vom 19.
zum 20. Jahrhundert - so rasch wie möglich, aus den ungesunden, winzigen
Substandardwohnungen des Spittelberges auszuziehen. In einem "Kehraus"
begann man am 15. Mai 1914 mit "... vereinten Bemühungen der Polizei,
der Bezirksvertretung und der Hausbesitzer ... den Spittelberg von seinen gewissen
Inwohnerinnen zu säubern..."
Zurück blieben in den mehr und mehr verfallenden Häusern alte Menschen,
arme Menschen, Gastarbeiter in Massenquartieren. Die Gegend verwahrloste zunehmend.
Aber auch diese Leute wollte man rasch aus den Häusern vertreiben, denn
ein ausländisches Konsortium führte schon 1914 Verhandlungen mit der
Gemeinde Wien und den Hauseigentümern, die alten Spittelberghäuser
niederzureißen, um sie durch profitablere Zinskasernen zu ersetzen. In
zwei großen Blocks sollten 50 "moderne" Neubauten entstehen.
Doch der Krieg brach aus, und es gab für die Kommune natürlich wesentlich
schlimmere Probleme zu bewältigen, als den Profitinteressen der Hausherren
entgegenzukommen. Nach dem II. Weltkrieg gab es neue Pläne, das gesamte
Viertel zu schleifen. Als dies zunächst von der "roten" Stadtverwaltung
nicht gestattet wurde, gingen die Hauseigentümer dazu über, aus ihren
Wohnungen, nach in anderen Wiener Bezirken bewährtem Muster, überbelegte
Gastarbeiterquartiere zu schaffen und die Wohnhäuser allmählich auf
Abbruchreife herunterzuwirtschaften. Den Denkmalschutz-Interessen, eine Vielzahl
von architektonisch unbedingt schützenswerten Häusern zu erhalten
und zu renovieren, stand die Absicht von Bau- und Immobilienspekulanten entgegen,
in dieser hervorragenden Citylage gute Geschäfte durch den Neubau von Büroblöcken
auszubauen. Dieser Kampf, Profitinteressen kontra Interessen der Öffentlichkeit,
wurde mit allen nur erdenklichen Mitteln ausgefochten. In den 70er-Jahren waren
es vor allem wieder einmal Künstler und Jugendgruppen, die gegen solche
Machenschaften ankämpften. Die Aktivisten der Aktion "Künstler
für den Spittelberg" besetzten und aktivierten leerstehende Geschäftslokale,
Ateliers und auch Wohnungen, die dem Verfall preisgegeben waren, renovierten
sie notdürftig und richteten Kunsthandwerkstätten, Webereien, Mal-
und Bildhauerateliers usw. ein.
Besonderes Aufsehen erregte in diesem Zusammenhang die Besetzung des Amerlinghauses,
mit dem Ziel, hier ein Jugendzentrum einzurichten. Heute beherbergt das Amerlinghaus
neben dem (leider nur mäßig besuchten) Bezirksmuseum eine Vielzahl
von aktiven Gruppen und Initiativen, die sich schon längst nicht mehr "nur"
auf die sogenannte Jugendkultur reduzieren lassen. Die Ausstellungen, Lesungen,
Konzerte usw. im Amerlinghaus sind inzwischen unverzichtbarer und wichtiger
Bestandteil des täglichen Kulturgeschehens der Stadt geworden.
Mit diesen Aktivitäten "von unten" wurde die Gemeinde Wien unter
Zugzwang gesetzt und sah sich endlich dazu veranlaßt, der Abbruchpolitik
der Spekulanten entgegenzuwirken, indem sie einen Großteil der betroffenen
Häuser einfach (meist zu unverschämt überteuerten Preisen) aufkaufte
und die ganze Gegend generalsanierte (klar, daß man nun in diesen "Gemeindewohnungen"
der jetzt nobelsten Art kaum mehr Arbeiter oder kleine Angestellte finden wird).
Und die Bauwirtschaft verstand es in kürzester Zeit, "umzudenken",
aus den neuen Anforderungen gute Geschäfte zu machen. Bezirkspolitiker,
die ehemals das lästige Viertel gerne schleifen wollten, disponierten zugunsten
ihrer eigenen Tasche um: "1973 wird das Gebiet zur Schutzzone erklärt.
In der Zwischenzeit haben Spekulanten bereits Häuser gekauft. Auch eine
bekannte Bezirksgröße, die vorher für den Abbruch stimmte, erwarb
flugs ein schönes Barockhaus in Leibrente, um es später mit beachtlichem
Gewinn an einen Antiquitätenhändler zu veräußern. Aber
was soll´s, wichtig war doch, dieses Juwel zu erhalten. Die originalgetreue
Renovierung im Geiste der Kulturdenkmalpflege schuf ein Bild wie in den Tagen
der Entstehung des Viertels..."