Christof Reinprecht
Das Amerlinghaus: Vom Scheitern und Überleben eines Experiments

In: Hubert Ch. Ehalt/Ursula Knittler-Lux/Helmut Konrad (Hg.)
Geschichtswerkstatt, Stadtteilarbeit, Aktionsforschung. Perspektiven emanzipatorischer Bildungs- und Kulturarbeit, 1984. Verlag für Gesellschaftskritik Wien, S. 183 - 194


Das „Amerlinghaus” ist ein selbstverwaltetes, von der Gemeinde Wien mit öffentlichen Geldern subventioniertes Kultur- und Kommunikationszentrum. Das alte Biedermeierhaus, das inmitten des Vorzeige-Altstadtsanierungsgebietes „Spittelberg” liegt, wurde 1975 besetzt, anschließend von der Stadt Wien renoviert und am 1.April 1978 eröffnet. Ich selbst arbeitete zuerst als freier Mitarbeiter, ab Mitte 1979 bis Ende 1983 als Angestellter im Amerlinghaus und bin heute Vorstandsmitglied des Trägervereins, dem sogenannten „Verein Kulturzentrum Spittelberg”. Der nachfolgende Beitrag behandelt am Beispiel der Amerlinghaus-Geschichte die Frage, inwieweit solch eine von einer relativ breiten Basisbewegung erkämpfte Einrichtung, die sich als Produkt dieser „Bewegung von unten” begreift und der Idee der Selbstverwaltung verbunden fühlt, den Bezug zu ihrer „Basis” aufrecht erhalten kann.
Das Beispiel Amerlinghaus zeigt, stellvertretend für viele andere Einrichtungen dieser Art, wie groß die Gefahr ist, zwischen den Ansprüchen und Erwartungen „der da unten” und „der da oben” zerrieben zu werden. Dieses Zerriebenwerden erfolgt jedoch nicht, wie viele meinen mögen, im Rahmen tagespolitischer Auseinandersetzungen, sondern infolge jenes Wandlungsprozesses, der unwillkürlich jedes Projekt ergreift, das vom Planungsstadium zu konkreter Realisierung gelangt. Wenn ein ökonomisch gesicherter und organisatorisch geregelter Alltag einsetzt, dann vollzieht sich der Prozess einer „Etablierung” der zu einer Entfremdung der Basis von seinem ehemals heftig umkämpften und umworbenen Objekt führt — und umgekehrt —, sowie zu einer gewissen Annäherung an die Erwartungshaltung des Geldgebers, der öffentlichen Hand. Diese Annäherung erfolgt aufgrund der durchaus notwendigen Auseinandersetzung mit den Behörden um die finanzielle Sicherstellung, wobei taktische Schritte und taktisches Agieren unerlässlich ist, das der Basis wiederum unverständlich bleiben muß und daher einer scharfen Kritik unterzogen wird.
Gerade dieser Prozeß, der zudem eine enorme Kommunikations- und Konfliktfähigkeit verlangt, woran es jedoch nicht selten mangelt, soll im Mittelpunkt des folgenden Beitrages stehen, der von der grundsätzlichen Überzeugung getragen ist, daß Projekte im Sinne des Amerlinghauses, als Ergebnis einer „Kultur von unten” verstanden, von großer Wichtigkeit für die gesellschafts- und kulturpolitische Auseinandersetzung sind.

Wie eine Bewegung ein Haus erkämpft

Wien ist eine äußerst konfliktscheue Stadt. Daher sind Hausbesetzungen eine Rarität und entbehren zudem nicht einer gewissen Skurrilität und Komik. Manchmal waren sie mit der Gemeindeverwaltung oder der Exekutive abgesprochen. Handelte es sich um eine radikal-politische Aktion, konnten die Aktivisten meist nur mit skeptischer Solidarisierung breiterer Personenkreise rechnen. Auch im Falle des Amerlinghauses handelte es sich um eine Besetzung a la Viennoise. Die Vorgeschichte: Anfang der 70er Jahre nahmen sich Architekten und Architekturstudenten um die Sanierung des Spittelberges an und präsentierten der Öffentlichkeit Pläne und Ideen einer sozialen und angepaßten Stadtteilerneuerung. Das soziale Sanierungskonzept enthielt einen Ausbau der nur mangelhaft vorhandenen Infrastruktur ebenso wie verschiedene kommunikative Sektoren wie Fußgängerzonen, Grünflächen und Nachbarschaftseinrichtungen. Aus dieser „Interessensgemeinschaft Spittelberg”, so nannte sich die Aktivistengruppe, entschlüpfte ein Kreis von Personen, der sich für die Realisierung eines Stadtteilzentrums einzusetzen begann. Das Geburtshaus des Wiener Biedermeiermalers und -dichters Friedrich Amerling schien mit seinem geräumigen, weitläufigen Innenhof und der Anlage seiner Räumlichkeiten hervorragend geeignet.
Bereits zu diesem Zeitpunkt zeigten sich einige Kommunalpolitiker für die Ideen der „IG Spittelberg” durchaus aufgeschlossen und begeisterungsfähig und nahmen an relativ unverbindlichen Gesprächen und Diskussionen teil. Obwohl das Haus wegen Baufälligkeit gesperrt war, gab die Gemeinde Wien 1975, während der Festwochen, die Genehmigung zu einem Vier-Tage-Fest. Rund 3.000 Besucher machten die Veranstaltung zu einem Erfolg und unterzeichneten ein Manifest, das die Forderungen nach dem selbstverwalteten „Kultur- und Kommunikationszentrum Amerlinghaus” enthielt. Das Manifest wurde den anwesenden Gemeindevertretern überreicht — gleichzeitig erfolgt die Ankündigung, daß dieses Haus ab sofort für einen „Modell-Betrieb” auf unbestimmte Zeit besetzt sei. Dieser Aktion lag die Idee zugrunde, der umliegenden Bewohnerschaft ebenso wie den Behörden zu demonstrieren, was in und aus einem als nutzlos erachteten Haus alles gemacht werden könne und für welches Ziel man kämpfe.
Die Gemeindeverwaltung tolerierte diese weiche „Besetzung”, wobei die damalige Stadträtin für Kultur und Jugend, Fröhlich-Sandner, für die unschlüssige Haltung der Gemeinde maßgeblich verantwortlich war. Daß die Stadt durchaus auch ganz anders, nämlich viel härter und entschlossener hätte reagieren können, zeigte sich ein Jahr darauf, als der größten Besetzungsaktion, die Österreich je erlebt hat, der Besetzung der Arena, Bulldozer ein Ende bereiteten.

Die Besetzung des Amerlinghauses ist von einer relativ starken und breiten Bewegung getragen worden, die sich aus politischen Aktivisten ebenso zusammensetzte wie aus Künstlern, Intellektuellen und Jugendlichen aus der unmittelbaren Umgebung. Daß das Haus knappe drei Jahre später seiner Bestimmung als selbstverwaltetes Zentrum übergeben werden konnte, ist ein Erfolg des Drucks von unten — auch wenn sich diejenigen, die den zähen und endlos scheinenden Kampf um die konkreten Nutzungsbestimmungen führten, von der „Basis” in Stich gelassen fühlten und nicht selten nahe am Kapitulieren waren.

Wie ein Haus seine Bewegung verliert

Die Renovierung des Amerlinghauses verschlang 13 Millionen Schilling. Während der Bauarbeiten (man hatte das gesamte Haus abgetragen und danach wieder völlig neu aufgebaut) wurden Konzepte für den Betrieb und die Finanzierung erarbeitet und diesbezügliche Verhandlungen mit den zuständigen Stellen des Wiener Rathauses geführt. Angelpunkte waren die Budgetfrage sowie das Selbstverwaltungsmodell. Nach manchmal zermürbenden, kleinkrämerischen Auseinandersetzungen konnte ein Kompromiß gefunden werden, der zum einen die finanzielle Sicherstellung und zum anderen eine größtmögliche Autonomie gewährleistete.
Träger des Hauses sollte der eigens dafür gegründete „Verein Kulturzentrum Spittelberg” sein, der aus einem zehnköpfigen Vorstand besteht und sich aus fünf Vertrauenspersonen der Gemeinde Wien und fünf Personen, die von der Mitgliederversammlung des „Vereins Zentrum Amerlinghaus”, also der „Basis” gewählt werden und dieser rechenschaftspflichtig sind, zusammensetzt. Angestellte Mitarbeiter sollten nicht im Vorstand vertreten sein, da dieser als Pufferzone zwischen Gemeinde und Zentrum gedacht war, als grüner Tisch, auf dem Konflikte und Verhandlungen abgewickelt werden können, ohne den Betrieb des Hauses direkt zu belasten. Zugleich erhoffte man sich von dieser Konstruktion, daß die Gemeinde, nun einmal eingebunden, ihr Interesse an einem Weiterbestand bewahren werde. Auf Vorstandsebene sollten zusätzlich die jährlichen Budgetverhandlungen stattfinden, nach Abstimmung mit den Mitarbeitern und der Vereins- bzw. Hausbasis. Der Budgetrahmen betrug 1978 1,5 Millionen Schilling, 1984 2,7 Millionen. In den monatlich stattfindenden Hausvollversammlungen sollten Besucher und Benützer, Animatoren und Kursleiter sowie am Hausgeschehen Interessierte Überlegungen zu Programm, Budget und Konzeption des Zentrums anstellen sowie diesbezügliche Beschlüsse fassen, deren Umsetzung wiederum an den Mitarbeitern des Amerlinghauses liegen sollte. Die Hausversammlung sollte das höchste Kontrollorgan sowie ein Ort der Reflexion, der Auseinandersetzung und der Konfliktlösung sein.
Wie bereits angedeutet, kam es bereits vor der Eröffnung des Amerlinghauses zur Isolierung der Aktivisten. Die „Basis” verflüchtigte sich, nicht ohne äußeren Anlaß allerdings. Die im Sommer 1976 stattfindende Arena-Besetzung band viele ehemalige Aktive an sich, aus der Arena heraus wiederum entwickelten sich unzählige Initiativen, die die Kräfte und Energien von engagierten Personen benötigten.

Als die wenigen übriggebliebenen Aktivisten am 1. April 1978 zur Eröffnung des frisch renovierten Amerlinghauses luden, kamen zwar viele ehemals Bewegte und Interessierte und meldeten auch sogleich ihre Erwartungen und Ansprüche an; zu einer lebendigen Aktivierung der Basis, des Unterbaus, kam es jedoch aus vielerlei Gründen, die es im folgenden anzureißen gilt, nicht.
Die Überlegungen zum radikal- und basisdemokratischen Ansatz der Selbstverwaltung gingen von einer Durchschaubarkeit und Veränderbarkeit bestehender Herrschaftsverhältnisse aus. Im Amerlinghaus sollten Entscheidungen transparent und auf breitester Ebene getroffen werden. Unerläßliche Bedingung dafür schien eine Struktur zu sein, die einer ungleichen Machtverteilung und einer Trennung zwischen „Machern” und „Konsumenten” zuwiderläuft. Eine solche schien man in der Einrichtung der „Hausversammlung” gefunden zu haben. Es liegt auf der Hand, daß ein derartiger Ansatz immer Gefahr läuft, Opfer sich rasch ausbreitender Institutionalisierungstendenzen zu werden. Deshalb auch stand von allem Anfang an die sogenannte „Angestelltenfrage” sowie die „Vorstandsfrage” im Mittelpunkt der von der Eröffnung an regelmäßig stattfindenden Hausversammlungen, zu denen, wie gesagt, alle Besucher und Benützer geladen waren.
Die Angestelltenfrage ist für ein selbstverwaltetes Zentrum, das sich als Ausdruck einer Kulturbewegung von unten begreift, von zentraler Bedeutung. Die Installierung fest bezahlter Mitarbeiter gewährleistet ja nicht nur eine gewisse Kontinuität und ein reibungsloses Funktionieren der Organisation des Alltags; sie belastet zugleich über Gebühr den Budgetrahmen (im Amerlinghaus etwa zwei Drittel der Ausgabeposten) und verändert in kürzester Zeit das strukturelle Gefüge. Unweigerlich kommt es bei den Mitarbeitern zu einer Anhäufung informeller Macht. Die Mitarbeiter erlangen damit einen Status, der um wesentliches höher ist als jener der „normalen” Besucher bzw. der unregelmäßigen, nicht-bezahlten Aktivisten. Der Konflikt zwischen Benützern und Angestellten bahnt sich an. Die „Angestelltenfrage” kann stets nur im Zusammenhang mit dem Problemkreis der Vor- und Nachteile öffentlicher Subventionen diskutiert werden. Aus Platzgründen kann hier nicht näher auf diese notwendige, leider jedoch kaum geführte Diskussion eingegangen werden, wobei der Autor eine ausführliche Auseinandersetzung um den Themenkomplex „Subventionen” für wünschenswert und erforderlich hält.

Rückblickend entpuppt sich die durchaus ernst gemeinte und mit viel Engagement erkämpfte Einrichtung der Selbstverwaltung im Amerlinghaus als scheindemokratisches Experiment. Denn das bloße Abwälzen aller Entscheidungen auf die als alleiniger Entscheidungsträger konzipierte Hausvollversammlung erwies sich als zu kurz gegriffen, da ja die Entscheidungskriterien nie grundsätzlich geklärt worden waren. Die Geschichte der Selbstverwaltung im Amerlinghaus, in seinem radikaldemokratischen Ansatz wenigstens, ist somit eine des Scheiterns: Guter Wille allein vermag den Mangel an egalitären Strukturen nicht zu ersetzen.
Es nimmt daher nicht Wunder, daß sich die Idee der „Hausversammlungsselbstverwaltung” in einem relativ kurzen Zeitraum totlief. Dieser Prozeß dauerte rund ein Jahr. Die Zahl der Teilnehmer an den Versammlungen sank von Monat zu Monat, die letzten Plenas wurden, rund ein Jahr nach der Eröffnung des Hauses, nur mehr von kaum einer Handvoll Besucher wahrgenommen.
Ein beispielhafter Konflikt, der mit der Unfähigkeit, ihn zu lösen, gepaart war, da sich die informellen Strukturen bereits allzu sehr festgesetzt hatten, war die intensive und aufreibende Diskussion um die Alternativschule, die von Anbeginn im Amerlinghaus eingerichtet war. Es handelte sich zwar vor-erst nur um einen Disput zwischen den Eltern und Lehrern, in dessen Folge es jedoch zu einer Spaltung der Elterngruppe kam. Die Eltern forderten nun von den Mitarbeitern die Entscheidung, welche der beiden Schulgruppen im Haus bleiben solle. Zum ersten Mal entschied die Mitarbeiterversammlung im Alleingang eine Frage, die im Prinzip im Plenum hätte diskutiert werden müssen. Damit war ersichtlich geworden, daß es zu einer rasanten Verselbständigung der Angestelltengruppe gekommen war. Im Plenum wurde diese Entscheidung zwar angefochten und von den Mitarbeitern auch wieder zurückgenommen — doch auf seiten der Besucher und Benützer war deutlich geworden, daß die Realität das „Modell” längst überholt hatte. Dem Eklat in der Vollversammlung folgte eine Reduktion der aktiven Teilnahme von Benützern und Besuchern am Hausgeschehen und an der Entscheidungsfindung: Das Amerlinghaus war unmerklich in die „Fänge” der angestellten Mitarbeiter geraten.
Die sogenannte „Vorstandsdebatte” wiederum entzündete sich an der Frage, welcher Aktionsradius dem Vorstand zustehe. Selbstverwaltung, so hieß die im Prinzip durchaus richtige Definition, müsse die demokratische Diskussion um Strategien der Verhandlungsführung mit Gemeindevertretern ebenso miteinschließen wie die Ausarbeitung des Budgetvoranschlages. Die Auseinandersetzungen um den Vorstand hatten oft irrationalen Charakter, auch wenn ernstzunehmende Probleme zugrunde lagen. Mißtrauen und Anfeindungen dominierten auf beiden Seiten. Das Mißtrauen auf seiten des Vorstandes wurde durch das von ihm verspürte Chaos im Getriebe der Selbstverwaltung genährt, das der „Basis” durch die oft eigenmächtigen Schritte des Vorstandes, die zwar mit den Mitarbeitern, nicht aber mit der Hausversammlung abgestimmt waren.
Natürlich darf bei dieser Betrachtung nicht übersehen werden, daß für viele ehemalige Aktivisten, die sich in der entscheidenden Phase für das Haus engagiert hatten, das unmittelbare Motiv für eine aktive Teilnahme am Haus-geschehen wegfiel. Die meisten Besucher suchten einen „Raum”, der ihnen die Möglichkeit zur Verwirklichung ihrer Interessen bieten konnte. Das Amerlinghaus war nur mehr Mittel zum Zweck, Ort des Zusammenfindens mit Freunden und Kollegen, mit denen sich gemeinsame Bedürfnisse organisieren und umsetzen lassen. Daher füllte sich das Haus bald mit Gruppen aller Art, die aber nicht die Auseinandersetzung um ein für sie völlig abstraktes Prinzip Selbstverwaltung suchten: Frühere Aktivisten wurden zu biederen Raumbenutzern, die Hausversammlung erschien manchen als zusätzliche Belastung in ihrer ohnehin bereits mit unzähligen Komitees und Initiativgruppen zugepflasterten Freizeit und zudem hatten die meisten Vertrauen in die angestellten Mitarbeiter gefaßt und ihnen die Organisation des Hausalltages überlassen. Selbstverwaltung an sich war nur mehr für wenige ein Thema. Es ist daher durchaus legitim, in diesem Zusammenhang von einer Phase der Entideologisierung zu sprechen.
Die Basis hatte sich abgesetzt, sich anderen Projekten zugewandt oder sich unmerklich ins Haus integriert. Die Mitarbeiter hatten jetzt zwar die Zügel in der Hand, die fehlenden Strukturen aber wirkten sich insgesamt ungünstig aus. Der Vorstand übernahm eine aktive Rolle, die ihm der Konzeption nach gar nicht zugestanden wäre, und griff nicht selten direkt und zum Teil, das darf im Rückblick durchaus gesagt werden, mit erpresserischen Mitteln ein. Sein Versuch, mit Machtworten und Drohgebärden die Unsicherheit der Mitarbeitergruppe zu stabilisieren, hatte langfristig gesehen eher negative Folgewirkungen.

Wie ein Zentrum zwischen die Mühlsteine der Basis und der da oben gerät

Im Frühjahr 1980, es schneite bereits und war unerbittlich kalt, meldeten sich (erneut eine Wiener Form von politischem Aktionismus) einige Jugendliche zu einer Hausbesetzung im Amerlinghaus an. Tatsächlich erschienen schließlich, ein paar Stunden nachdem sie sich telefonisch angekündigt hatten, ein paar Dutzend Jugendliche mit Matratzen und dicken Wolldecken. Sie forderten Einlaß in die Räumlichkeiten, die wir Mitarbeiter ihnen dann auch (schon aus Angst vor einer zu heftigen Konfrontation) gewährten. Unmittelbarer Anlaß dieser Besetzungsaktion war jedoch nicht das Amerlinghaus selbst, sondern das dem Haus angeschlossene, aber unabhängig und kommerziell geführte Beisl. Der neue Beislbesitzer hatte aufgrund persönlicher Antipathien über bestimmte Personen Lokalverbot verhängt und die Preise von einem erträglichen Niveau auf jenes der In-Beisln gehoben und zudem dem Lokal den Charakter einer Schickeria-Stube verpassen wollen. Das hatte zwar alles auch zu hausinternen Konfrontationen geführt, doch kaum jemand erwartete ernsthafte Aktionen von außen, obgleich es zu dieser Zeit an dementsprechenden Drohungen nicht mangelte. Die jugendlichen, die an der Besetzung beteiligt waren, hatten einst im Amerlinghaus eine Zufluchtsstätte gefunden. Sie hatten für das Recht auf freien Rasen im Burggarten gekämpft und um ein autonomes Zentrum, das später in der Gassergasse entstehen sollte. Obwohl sich ihre Aktion vorerst gegen die Preispolitik des Beisls richtete, standen auch wir Mitarbeiter bald vor einem Tribunal. Wir wurden als Verräter beschimpft, als Arschkriecher und Angepaßte. Auch abseits der ermüdenden Beflegelungen (die ja auch in die andere Richtung gingen) berührte die vorgebrachte Kritik viele Punkte einer Entwicklung, die manchen von uns betroffen machte.
Mich selbst konfrontierte diese zweite Besetzung mit jenen Ideen und Vorstellungen über Selbstverwaltung, für die ich doch stets und über lange Jahre hinweg eingetreten war und gekämpft hatte. Ich hatte mich im Amerlinghaus der Realität gebeugt, einen Kompromiß zu finden versucht zwischen der kaum umzusetzenden Radikalität eines gedachten Selbstverwaltungsmodells und einer akzeptablen Form der Koexistenz mit der Gemeinde. Uns erschien diese Besetzung zwar als eigenartiger und sich rasch verflüchtigender Spuk, doch wie nie zuvor wurde uns das Scheitern unseres eigenen Anspruchs vor Augen geführt. Da saßen nun die „Kinder” unseres Amerlinghauses und rebellierten gegen ihre „Eltern”, da riefen wir die Besucher und Benützer des Hauses zu Hilfe, die sich regelmäßig seit Jahren Woche für Woche im Hause trafen, doch sie zeigten sich an unseren Ausführungen desinteressiert, im höchsten Maße jedoch aufnahmefähig für die Kritik der Besetzer. Hier wurde uns mit einem Mal bewußt, daß die Mühle angefangen hatte zu mahlen. Die Mitarbeiter überlegten ebenso ernsthaft den Einsatz von Polizei wie sie ihn wieder verwarfen. Man befürchtete, daß die Gemeinde den Geldhahn zudrehen und damit der Existenz des Zentrums ein Ende bereiten werde. Doch uns wurde bewußt, daß diese unsere Ängstlichkeit gegenüber der Stadtverwaltung viel weniger auf Realitäten gründete als auf eingebildetem und verinnerlichtem Druck in unseren Köpfen. Und wir spürten, daß unsere Angst vor der willkürlichen Gewalt des Rathauses auch aus dem Umstand resultierte, der sich mit der Besetzung bewahrheitet hatte und schon lange wie ein Damoklesschwert über dem Amerlinghaus geschwebt war: Die Basis hatte sich entzogen und das Zentrum war zu einer etablierten Institution geworden, die auf keine Bewegung mehr zurückgreifen konnte. Vielleicht mußte das Amerlinghaus dies schmerzhafter als andere Einrichtungen erfahren, da es in Wien das erste seiner Art war und sowohl „von unten” wie „von oben”, sowohl von der Basis als auch von der Gemeinde, mit besonderen Ansprüchen und Erwartungen konfrontiert worden war.
Diese zweite Amerlinghausbesetzung war aber durchaus ein heilsamer Schock. Nur wenige Tage nach Beendigung der Aktion schrieb ich in einem Diskussionspapier zu einer notwendigen Neudefinition des Begriffs der Selbstverwaltung: „Selbstverwaltung meint, daß zwischen festen Mitarbeitern des Amerlinghauses eine von ihnen festgelegte und nach außen und innen transparente Entscheidungsstruktur besteht, die allen Beteiligten gleichberechtigte Teilnahme und Entscheidungsfindung erlaubt. Somit wer?
' den Mitarbeiter Träger von Entscheidungen und voll verantwortlich.” Damit war endlich eine Neudefinition erfolgt, die den Mitarbeitern den Status von Trägern von Entscheidungen und die Verantwortlichkeit für das Hausgeschehen gab. Mit diesem Schritt wurde die Vorstandsdiskussion wesentlich entschärft. Es soll hier nur kurz erwähnt werden, daß seit Ende 1983 der Vorstand nur mehr aus fünf Mitgliedern besteht, die sich ausschließlich aus dem Kreis der Angestellten sowie aus Vertrauenspersonen des Zentrums zusammensetzen. Die Funktion einer Pufferzone wird ein Beirat übernehmen.
Angestellte rosten und Konsum bemächtigt sich des Hauses

Es sollen noch zwei Beispiele genannt werden, die aufzeigen, wie die Realität ehemalige Ansprüche einem Wandel unterwirft, diese in die Knie zwingt und dem Alltagsgeschehen ebenso wie dem Spannungsverhältnis zwischen Basis und Institution ein anderes Gesicht verleiht.
Die Amerlinghausbewegung hatte für ein lebendiges, offenes und buntes Zentrum gekämpft. Dies erforderte von den Aktivisten ein hohes Maß an Einsatzbereitschaft und Engagement, das auch Risiko nicht scheut. Vor allem in der Anfangsphase war die Arbeitssituation der angestellten Mitarbeiter von einem überhöhten Kommunikationsstreß gekennzeichnet — man mußte ja als Mitarbeiter nicht nur über alle erdenklichen Informationen, sondern auch über eine Unmenge von Dienstleistungen verfügen. Anfangs wurde dies zwar als durchaus anregend und herausfordernd empfunden, mit der Zeit jedoch führte dieser Zustand zu einer übergroßen Angespanntheit in der Mitarbeitergruppe und in den einzelnen Mitarbeitern selbst. Mit der bereits beschriebenen Entwicklung der Distanzierung und Entfremdung der Basis vom Haus (und umgekehrt) verstärkte sich diese Dauerbelastung. Ein Nachlassen der Spannkraft und ein Einrasten von stereotypen Verhaltensmustern und Verkehrsformen erleichterte die Bewältigung des Alltags. Doch damit ging mit der Zeit ein Abnehmen der Risiko- und Einsatzbereitschaft einher und die Fähigkeit, Konflikte, sowohl innerhalb als auch außerhalb des Zentrums zu bewältigen, sank. Das folgende Beispiel, das an sich einen Randkonflikt im Leben des Amerlinghauses darstellt, vermag dies zu verdeutlichen. Im Amerlinghaus befindet sich das Bezirksmuseum Neubau, ein Zugeständnis der roten Gemeinde an die schwarze Bezirksvertretung. Da diese selten genutzte Einrichtung unter anderem im schönsten und größten Raum des Hauses beherbergt ist, war es mehr als verständlich, daß man von Anfang an sich um die Einbeziehung dieser benötigten Räumlichkeiten in das Kulturzentrum bemühte, wobei man einen Konflikt mit der Bezirksvertretung gerne in Kauf nahm. Die Bestrebungen führten jedoch infolge der Hartnäckigkeit der schwarzen Bezirkshäuptlinge und Museumswärter und der Verbindlichkeit der zuständigen Gemeindevertreter zu keinem absehbaren Erfolg. Nun hätte man durchaus auch andere Wege suchen können, auf denen eine akzeptable Lösung hätte erreicht werden können. Statt dessen jedoch erlahmten mit der Zeit die Energien, obwohl es an Radikalität auf verbaler Ebene keineswegs mangelte, und es breitete sich eine gähnende Gleichgültigkeit aus. Innerlich hatte man den Status quo längst akzeptiert.
Die Institutionalisierung der angestellten Mitarbeitergruppe führte über kurz oder lang zu deren Verbeamtung. Jede Bewegung schien lästig und überdies überflüssig, und es galt, sie schnell ruhig zu stellen. Den Mitarbeitern war es nicht gelungen, eine fruchtbare und befruchtende Dynamik aufrechtzuerhalten. Nicht nur aus Gründen der sozialen Sicherheit klebten sie nun an ihren angestammten Schreibtischsesseln; wie in jedem x-beliebigen Betrieb hatten sich Strukturen etabliert, die eine reibungslose Organisation des Alltags garantierten und dabei nicht mehr abverlangten als die Anwesenheit und die Beachtung gewisser allgemeiner Regeln und den Mitarbeitern ein Gefühl der Unersetzbarkeit vermittelten.
Das zweite Beispiel, das hier noch kurz Erwähnung finden soll, ist eine hausinterne Auseinandersetzung, die zum Inhalt hatte, ob Kultur- oder Sozialarbeit Schwerpunkte der Arbeit sein sollen, wobei das hier verwendete Bindewort „oder” bereits den Charakter dieser Debatte wiedergibt.
Kultur- und Sozialarbeit galten anfänglich den Aktivisten und Angestellten als untrennbare Einheit. Kultur setzt immer Anteilnahme an sozialen Beziehungen voraus und soziale Austauschprozesse berühren stets kulturelle Momente. Kultur war ja als Ausdruck der Summe aller Lebensäußerungen verstanden worden, als Erfassung der Umwelt und der alltäglichen Lebensrealität und einer daraus folgenden Auseinandersetzung mit ihr. Umso erstaunlicher also, daß diese Prämissen, die konzeptionell ja nicht nur fürs Amerlinghaus galten, sondern das Fundament eines neuen Kulturbegriffs bildeten, an Bedeutung verloren. In der Amerlinghaus-Betriebskonzeption wurde der untrennbaren Einheit von Kultur- und Sozialarbeit durch den integrativen Aspekt von Jugend-, Kinder- und Altenarbeit sowie kultureller Animation Ausdruck verliehen. Wenige Jahre später wurde jedoch der im Sinne eines etablierten Kulturbegriffs übliche Trennungsstrich gezogen. Ausschlaggebend waren sicherlich die Erfahrungen in der Jugendarbeit, die gezeigt hatten, daß die Mitarbeiter auf Grundlage der geltenden Konzeption nicht in der Lage waren, einen offenen Jugendbetrieb zu führen, der sich wesentlich vom Dienstleistungsbetrieb Jugendzentrum abheben sollte. Daran waren illusionäre Vorstellungen über die Selbständigkeit von Jugendlichen, denen man nur den Freiraum geben müsse, damit sie sich frei entfalten können, ebenso „Schuld” wie die zeitweise Überlagerung des Amerlinghauses mit sozialen Randgruppen, denen man relativ ohnmächtig und ungewappnet gegenüberstand und derer man sich schließlich relativ „rigoros” entledigte.
Ohne tiefergehende inhaltliche Diskussion wurde einer Entwicklung Tür und Tor geöffnet, die den Konsum von Kulturveranstaltungen — einer durchaus legitimen Form von Kulturarbeit, aber nicht der einzigen — Vorrang gab. Damit war zwar das Zentrum keineswegs aus seinem konzeptionellen Schlamassel — war es doch unrealistisch, mit professionellen und finanziell und räumlich weitaus besser ausgestatteten Einrichtungen zu konkurrieren; aber die Mitarbeiter konnten beruhigt zur Kenntnis nehmen, daß sich mit diesem Schritt die Wellen rund um das Haus zu glätten begannen. Daß sich zugleich der Konsum des Hauses bemächtigte und damit der Erstarrungsprozeß eher forciert als abgewendet wurde, ist die Kehrseite der Medaille.
Eine Hoffnung und eine Überzeugung, daß ein Amerlinghaus dennoch nützlich ist

Die genannten Entwicklungslinien und Wandlungsprozesse haben unter anderem, so paradox es klingen mag, dazu geführt, daß das Amerlinghaus noch immer existiert. Es hat seinen Charakter natürlich geändert, und Stil und Atmosphäre sind mit denen zur Zeit der Eröffnung nicht zu vergleichen. Die Oberlebenskunst des Amerlinghauses, das in seiner Existenz von der Stadtverwaltung ja nie ernsthaft in Frage gestellt worden ist, gründet sicherlich auch auf der Tatsache, daß die Erstarrung von Strukturen und die Verbeamtung von Mitarbeitern eine relativ gesicherte und langfristige Lebensdauer ermöglichen. Dennoch hat die Geschichte des Amerlinghauses noch kein Ende gefunden, und manches weist darauf hin, daß bewegtere Zeiten wieder bevorstehen. Und trotz aller Probleme, die solch eine Einrichtung ja erst zu dem machen, was sie ist, hat das Amerlinghaus eine seiner wichtigsten Funktionen nicht verloren: Ort der Auseinandersetzung und der Diskussion zu sein, Grundstein für Initiativen und Bewegungen, Stätte gesellschafts- und kulturpolitischer Diskussion. Unzählige Gruppen starteten vom Amerlinghaus aus ihre Initiativen, für viele war es Voraussetzung für das Gelingen des zum Ziel gesetzten Projektes. Manches, was uns heute in Wien alltäglich und „normal” erscheint, hatte im Amerlinghaus seinen Ur-sprung: Die Alternativschulbewegung ebenso wie der Kampf um das WUK und die Gassergasse, Teile der sich politisch formierenden Alternativbewegung ebenso wie der Anti-AKW-Bewegung.
Meinen Optimismus und meine Überzeugung, daß kein Minute Amerlinghaus trotz aller Enttäuschungen und trotz allen Scheiterns vergeblich war, vermögen jene zu begreifen, die die Schwelle des Hauses Stiftgasse Nummer Sieben überschreiten und sehr bald spüren, daß in den Segeln noch immer genügend Wind vorhanden ist.