Robert Foltin
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Robert Foltin: Soziale Bewegungen in Österreich:
Differenzierung der Szenen

Gesamter Text

Ausschnitt:

Amerlinghaus
Eine Bewegung vor der Arena-Besetzung, die nicht mehr nur im politischen Rahmen ablief, sondern verschiedene Ebenen einbezog (Stadtteilarbeit, Arbeit mit Jugendlichen und Kindern), war die Besetzung des Amerlinghauses. Am Beginn stand eine Gruppe von ArchitektInnen und KünstlerInnen, die sich gegen die Kaputtsanierung des Spittelbergviertels mit seinen alten Biedermeierhäusern aussprachen (das folgende nach Springinkal Nr. 1, März 1976, sowie ZB Nr. 15, 16/17, 18, Jänner bis März 1978). Denen schlossen sich einige Leute an, die Interesse an einem selbstverwalteten Kommunikationszentrum für den Bezirk hatten. Im Sommer 1975 wurde das Haus in der Stiftgasse für ein 4-Tage-Fest freigegeben, wo Unterschriften für ein Kommunikationszentrum gesammelt wurden. Anschließend wurde das Haus besetzt und ein „Demonstrationsbetrieb“ aufgenommen. Benutzt wurde das Haus den Sommer über hauptsächlich von Kindern der näheren Umgebung und Jugendlichen aus anderen Bezirken, viele von ihnen aus migrantischen Familien. Menschen aus der „Szene“ kamen nur zu größeren Veranstaltungen, aber oft auch zu den Plenas, um die PraktikerInnen, die gratis die Betreuungsarbeit mit den Kindern und Jugendlichen machten, zu kritisieren. Die Gemeinde Wien sagte eine Sanierung zu und Anfang Oktober schlossen die BesetzerInnen das Haus mit gemischten Gefühlen, weil sie etwas aufgaben, aber die Arbeit sehr aufreibend war und eine Pause Zeit zur Reflexion bot. Die Gruppe wurde ohne Haus weitergeführt, es wurden regelmäßige Spielaktionen mit den Kindern aus dem Bezirk gemacht, außerdem einige Straßenfeste, um weiter auf sich aufmerksam zu machen.
Zur Eröffnung am 1. April 1978 waren nur wenige AktivistInnen übrig geblieben. Das Amerlinghaus wird von der Gemeinde Wien finanziert, die Nutzungsbedingungen sind dabei ein kompliziertes Konstrukt, ein Teil der Räume wird außerdem vom Bezirksmuseum belegt. Diese Situation war ein Grund, warum das Haus die Bewegung verloren hatte (Reinprecht 1984, S.85), was später noch zu Konflikten führte. Nach der Arena gab es viele andere Initiativen, für dieses Kommunikationszentrum interessierte sich vorerst kaum jemand. War das Amerlinghaus ursprünglich als Kommunikationszentrum in einem proletarischem und migrantischem Stadtteil gedacht, so hat sich das Projekt ganz anders entwickelt. Es ist noch jetzt ein linkes Zentrum und ein wichtiger Treffpunkt, aber in einer ganz anderen Umgebung. Ein Großteil des Spittelbergs wurde renoviert (nicht abgerissen, wie befürchtet). Dieses Viertel kann als Beispiel für Gentrifizierung gesehen werden, die dort lebende und arbeitende Bevölkerung ist heute eine andere, nicht mehr migrantische ArbeiterInnen, sondern die teilweise besser gestellte Klientel der Grünen, von links bis liberal.