Was im Amerlinghaus abläuft: Was in
2 Sätzen nicht zu erklären ist
Wir betreuen nicht. Wir stärken
Eine der lebendigsten Wiener Ecken des subkulturellen Lebens ist in einem inzwischen
alles andere als subkulturellem Grätzl zu entdecken. Umgeben von „teurem
Pflaster“, hippen Lokalen, unschmuddeligen Galerien und für Wohlhabende
sanierten Wohnungen hinter musealen Fassaden pulsiert eine „Brutstätte“
sozialer und politischer Projekte. Ohne das Amerlinghaus hätte die Laientheatergruppe
des Augustin ungünstigere Wachstumsbedingungen vorgefunden; ohne das Amerlinghaus
wäre die Chronik der Augustin-Feste um einige rauschende Kapitel ärmer.
Lisa Grösel und Walter Ratley, zwei vom Amerlinghaus-Team, berichteten
über ihre Arbeit.
Das Spittelbergviertel in den 70er Jahren: Leerstehende Häuser,
Bretter vor Fenster genagelt, Ratten, Ruinen. Vor gut drei Jahrzehnten ist das
Amerlinghaus, ein Biedermeierobjekt im Zentrum des Spittelbergs, zum ersten
Mal besetzt worden. Mit dem Erfolg, dass die Gemeinde das verfallene Objekt
mit seinem wunderschönen weinberankten Innenhof renovierte und dem damals
entstandenen Verein „Kulturzentrum Spittelberg“ zur Verfügung
stellte. Eine zweite Besetzung durch die Leute der so genannten Burggartenbewegung,
die der ersten Generation der Amerlinghaus-BetreiberInnen Bürokratismus,
Hierarchiedenken und Abhängigkeit von der Stadtverwaltung vorwarfen, zählt
zu den skurrilen Episoden der aufregenden Frühgeschichte des Kommunikationszentrums.
Symbolhafte Namen der Gründer-, Früh- und Sturm-und-Drangzeit des
Hauses: Herbert Sburny, Urgestein des Vereins, und Christa Stippinger, die heute
die im Haus entstandene Edition Exil und den gleichnamigen Verein leitet und
vielen als Veranstalterin des jährlichen Roma-Festes bekannt ist. In manchem
war das Amerlinghaus seiner Zeit voraus. So wurde hier die erste Wiener Alternativschule
von der Idee in die Praxis umgesetzt.
Walter Ratley ist seit fünf Jahren im Amerlinghaus beschäftigt.
Er kommt aus Salzburg. „Die Stadt wurde mir zu bieder. Deshalb bin ich
nach Wien ausgewandert. Ich hatte das Glück, einen Praktikumsplatz im Amerlinghaus
zu erhalten und anschließend in ein Angestelltenverhältnis übernommen
zu werden“, sagt er und versucht eine mit möglichst wenigen Sätzen
auskommende Definition der Einrichtung: „Das Amerlinghaus ist ein Ort,
an dem soziale und politische Arbeit stattfindet, an dem politische Initiativen
genauso Platz haben wie Selbsthilfegruppen, wo Veranstaltungen, Vorträge,
Ausstellungen stattfinden. Zur Zeit beherbergt das Haus z.B. eine gut besuchte
Arbeitsloseninitiative. Hier gibt es Beratung für Erwerbslose, denen das
AMS Bezüge gesperrt hat. Es wird genutzt von antifaschistischen Gruppen
genauso wie von Theatergruppen, die hier Proberäume vorfinden, wie das
11% K-Theater vom Augustin. Wir haben natürlich unsere Kriterien für
die Auswahl der Gruppen, die das Amerlinghaus nutzen können. Rassistische
Gruppen sind ausgeschlossen, kommerzielle NutzerInnen können durch Raummieten
ein Einnahmenfaktor sein, aber wir lassen das nur in reduziertem Ausmaß
zu. Wichtig für uns ist das Prinzip der Niederschwelligkeit. Das bedeutet
zum Beispiel, dass für Veranstaltungen im Amerlinghaus kein Eintritt verlangt
wird. Von Beginn an war es als generationenübergreifendes Projekt geplant.
Die Senioreninitiative ‚Aktives Zentrums’, geleitet von Christa
Witz, bietet derzeit z.B. Computerkurse für die Generation 55 plus an.“
Walters Versuch, den Sinn des Amerlinghauses knappest zu definieren, musste
scheitern, denn dieses Scheitern ist in dem Amalgam von Bedeutungen, in der
Vielfalt von Nutzungsmöglichkeiten, in der Breite des Kulturbegriffs logischerweise
angelegt.
„Es ist nie fad im Haus“
Lisa Grösel unterstreicht die produktive Unübersichtlichkeit: „Wenn
wir gegenüber Menschen, die unser Haus nicht kennen, diese Liste von Aktivitäten
und Nutzergruppen aufzählen, staunen sie beim ersten Besuch: So ein kleines
Biedermeierhaus, so prall gefüllt mit soziokulturellem Leben. Ich könnte
die Liste minutenlang fortführen: eine Hip-Hop Gruppe, eine griechische
Tanzgruppe, Deutschkurse, dutzende weitere NutzerInnen, die zwei große
und fünf kleinere Räume abwechselnd belegen. Es sind NutzerInnen,
die wegen ihres Geldmangels anderswo kaum Räumlichkeiten für ihre
Projekte fänden.“
Und mitten in diesem Pulsierenden ein paar Quadratmeter, in
dem die Pulsfrequenz zum Quadrat schlägt. Um das Herz des Hauses, das Büro,
zu beschreiben, malt Lisa Grösel das Bild einer Standardsituation: „Mein
Kollege Walter und ich sitzen in diesem Büroraum. In einer Ecke sitzen
drei Afrikaner und unterhalten sich in einer Sprache, von der ich nicht weiß,
aus welcher Ecke des Kontinents sie stammt. Sie sprechen über die neue
Hip-Hop Produktion, die sie im Amerlinghaus gerade probieren. An einem Computer
sitzen drei Menschen von der Erwerbsloseninitiative und arbeiten an ihrer neuen
Rechtshilfebroschüre. Ich bin mit zwei Leuten beschäftigt, die in
zwei Monaten eine Ausstellung eröffnen wollen: Wie gestalten wir die Flyers,
wann hängen wir die Bilder... Walter bereitet mit zwei anderen Menschen
die nächste Diskussionsveranstaltung vor. Und immer läutet das Telefon.
Am Eingang warten drei Leute mit verschiedensten Anliegen: einer will wissen,
wo das Klo ist, der andere will ein Seminar anmelden, die dritte will einen
Rucksack deponieren.“
Es sei nie fad im Amerlinghaus, schwärmt Lisa, seit 1999 im Team. „Ich
liebe diese Vielfalt. Wir machen soziale Arbeit im weitesten Sinn dieses Wortes:
Wir kommunizieren mit unglaublich vielen Leuten. Aber wir betreuen nicht. Wir
motivieren, wie stärken, wir diskutieren – aber wir haben es grundsätzlich
mit Leuten zu tun, die ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. Die sich
selber organisieren und autonom sind. Wir machen unsere Kriterien transparent,
die für die Nutzung des Hauses gelten. Gut ausfinanzierten Gruppen raten
wir, woanders Räumlichkeiten zu suchen, damit wir unsere Räume den
‚armen’ Projekten freihalten können. Wenn eine Meditationsgruppe
nach Räumen fragt, wird sie von uns erfahren, dass das Amerlinghaus eigentlich
für andere Zwecke besetzt wurde.“
Lisa arbeitete Ende der 90er Jahre an einem Projekt Christa Stippingers mit
– eine Gesprächsrunde, in der debattiert wurde, was Begriffe wie
„Arbeit“ oder „Liebe“ in unterschiedlichen Kulturen
bedeuten. Das war ihr Einstieg in ein Beschäftigungsverhältnis. In
einem Jugendzentrum hatte sie zuvor mit türkischen Mädchen gearbeitet,
die Sprachkenntnisse stammen vor allem von einem zweijährigen Türkei-Aufenthalt.
Die Beschäftigung im Amerlinghaus ermöglichte ihr, am antirassistischen
Engagement anzuknüpfen, vor allem durch ihre Mitarbeit an der Initiative
GEMMI. Diese NGO wurde unentbehrlich für jene afrikanischen AsylwerberInnen,
die Opfer der „Operation Spring“ des Innenministeriums wurden, in
deren Folge es zu Fehlurteilen und pauschalen Stigmatisierungen einer ganzen
migrantischen Community kam.
Oase der Subkultur im Boomquartier
Die BesetzerInnen des Amerlinghauses haben vor 30 Jahren – ohne es zu
wollen – zu einer Gentryfication des Spittelbergviertels beigetragen,
zu einer Eroberung des Viertels durch Wohlhabende, zu einer Boboisierung des
Stadtteils, zu Miethöhen, die für MigrantInnen, Prekarisierte und
ArbeiterInnen nicht leistbar sind. Das Dilemma der kulturellen Pioniere in abgestorbenen
Vierteln ist auch hier evident: Ihre Pioniertätigkeit kommt einer Bevölkerungsschicht
zugute, für deren Interessen zu kämpfen sie nicht angetreten sind.
Wir sprechen Lisa Grösel darauf an. „Ich bin froh“, sagt sie,
„dass wir als das, was wir sind, überlebt haben, dass wir in einer
zunehmend kommerzialisierten Umgebung überlebensfähig sind. Wir versuchen,
uns hier als Alternative zum Kommerz zu positionieren, konkret als Alternative
zum überranntesten Weihnachtsmarkt der Bundeshauptstadt, zur Konsumwelt
der Spittelbergwirten. Mit Straßenfesten versuchen wir, unsere Präsenz
in diesem Boomviertel zu unterstreichen.“ Das Publikum in den Schanigärten
der Szenewirten wird sich wohl an die „exotischen“ PassantInnen
gewöhnen müssen, die an ihm vorbei das Amerlinghaus ansteuern: Frauen
in Kopftüchern, Junge mit bunten Haaren, Obdachlose, seltsam erscheinende
Menschen mit psychiatrischen Diagnosen.
„Der Weihnachtsmarkt tobt sechs Wochen lang um das Amerlinghaus, in Form
des Punschstands des Amerlingbeisls - das in der Anfangszeit Teil der Selbstverwaltung
des soziokulturellen Zentrums war, dann aber bald ausgegliedert und privat geführt
wurde und heute organisatorisch nichts mit dem Amerlinghaus-Verein zu tun hat
- schwappt das Festival des Konsums sogar in den Innenhof herein. Der Lärm
und die massive Ansammlung von Betrunkenen rund ums Haus ergeben nicht die beste
Atmosphäre für Veranstaltungen der sensibleren Art“, verdeutlicht
Walter Ratley die in der Nachbarschaftsbeziehung angelegten Konfliktpotenziale.
Und kommt dann auf Konflikte anderer Art zu sprechen: „Immer, wenn im
Rathaus über die Subventionen abgestimmt wird, gibt es von den rechten
Parteien Vorbehalte gegen Gruppen, die sich bei uns im Haus treffen. Naturgemäß
ist die FPÖ dagegen, dass wir antifaschistischen Gruppen ein Dach überm
Kopf bieten.“
Eine Feststellung, die nicht als Applaus für die Rathausmehrheit misszuverstehen
ist, die von der Politik der Förderung auch unbequemer „Brutstätten“
bisher nicht abzubringen war. Walter Ratley: „Seit 25 Jahren ist die Subvention
der MA 13 für unser Haus nominal gleich geblieben.“
Auch auf diese Weise kann man ein Experiment langfristig aushungern, fällt
mir dazu ein. Die selbe Summe ist von Jahr zu Jahr weniger wert. „Repressive
Toleranz“, assoziiere ich. Man sollte den Amerlinghaus-Veteranen Herbert
Sburny befragen, ob dieser legendäre Begriff, den Herbert Marcuse vor aufständischen
StudentInnen in den 60er Jahren erfand, hier nicht fehl am Platze ist.
Den Herbert aus Wien würde auch die Zusatzfrage reizen. Nämlich ob
Marcuse die Arbeit im Amerlinghaus als Teil der „großen Verweigerung“,
die er als Grundhaltung der Unzufriedenen propagierte, durchgehen ließe...