Zur Situation

Zur Situation 2

 

Zur Situation
Augustin Theater, Lesung, Diskussion, Buchpräsentation, Literatur, Verein Exil, Roma Kultur Festival, Vortrag, Workshop, Information, Lesetheater, Politik, Performance, Kunst, Sprachkurs, Aktives Zentrum, Gruppentreffen, Beratung, Flüchtlingsprojekt, Kindergruppe, Generation 50 plus, Theater der Unterdrückten, Tanz, Kongress ........
Das alles ist das Amerlinghaus. Um die 50 Gruppen, Initiativen, Vereine und Kollektive nützen intensiv das Kulturzentrum Spittelberg. Abseits von Mainstream, Konsumrausch und mentalem Fast Food sind wir ein Zentrum für Basis- und Gegenkultur, für eine lebendige Zivilgesellschaft, für kritische alternative gesellschaftliche Konzepte und wollen es auch bleiben. Ansätze gibt es viele und vielfältige, die im Kulturzentrum Spittelberg ihren Platz finden. Wichtig ist uns, dass solidarische Modelle, kritische Theorien und auch Utopien denk-bar, möglich und teilweise leb-bar bleiben, die sonst in Mainstream-Diskursen längst ausgelöscht sind.
Das Kulturzentrum Spittelberg befindet sich in einer prekären Situation. Zwar werden wir auch weiterhin über die Stadt Wien subventioniert werden, nur geht uns die Luft aus. Was für viele Wiener Initiativen im Sozial- Kultur- und Bildungsbereich gilt, trifft auch uns: Es gibt seit vielen Jahren keine Inflationsanpassung - wenn nicht sogar Kürzungen. Wir zahlen zwar höhere Gehälter, mehr Miete und mehr Betriebskosten, aber wir bekommen nicht mehr Geld. Das geht auf Kosten der Qualität und des Umfanges unserer Arbeit und auf Kosten der zerbröckelnden Infrastruktur und führt direkt in den Konkurs. Es ist sehr eng geworden.
Wir müssen um den Weiterbestand des Kulturzentrums in seiner jetzigen Form kämpfen. Wir wollen nicht, dass eine der letzten offenen linken Strukturen in Wien zu einem weiteren kommerziellen, aus-schließenden Ort wird. Wir sind auch nicht allein von solchen Problemen betroffen, viele andere Projekte stehen buchstäblich auf der Strasse. Wir meinen, dass hier eine politische Lösung gefunden werden muss, nicht nur für das Kulturzentrum Spittelberg im Amerlinghaus. Und das kann nur über politische, solidarische und gemeinsame Strategien erreicht werden.

Zur Situation 2
In den frühen 1970er-Jahren gab es in Wien Sozialeinrichtungen und Kultureinrichtungen, gab es Volkshochschulen, es gab was Kinder, es gab Jugendklubs und es gab Seniorenklubs. Alles war von einander getrennt, bürokratisch verwaltet und hatte bevormundeten Charakter. Immer mehr Menschen in dieser Stadt wollten die Trennung aufheben und ihr Leben selbst gestalten. Es war die Zeit der beginnenden Alternativbewegung. Am Spittelberg stand das Geburtshaus des Malers Amerling. Es war in desolaten Zustand, leer und im Eigentum der Gemeinde Wien. Die Renovierung des gesamten Viertels war angekündigt, Genaueres war der Öffentlichkeit nicht bekannt. Im Sommer 1975 besetzten Menschen aus der Nachbarschaft, Künstler, Studenten, Sozialarbeiter und Alternativgruppen das Amerlinghaus. Sie forderten von der Gemeinde Wien ein Kommunikations- und Kulturzentrum zu ermöglichen und zu finanzieren. Es sollte ein Haus für Alle sein, in dem die Trennung zwischen den Alterstufen und das Scheiden der Bereiche Kultur und Soziales aufgehoben ist. Was im Haus geschieht sollen die Benutzer gemeinschaftlich entscheiden, ein Selbstverwaltungskonzept wurde erarbeitet und noch im Laufe des Sommers in die Tat umgesetzt. Gleichzeitung wurde mit den verantwortlichen Politikern der Stadt Wien erfolgreich verhandelt. Zwar mussten einige Auflagen der Stadt akzeptiert werden, aber letztlich wurde das frisch renovierte Haus im Frühjahr 1978 den Verein Kulturzentrum Spittelberg übergeben. Seither war und ist in all den Jahren das Amerlinghaus eine offene, niederschwellige Einrichtung, in der mit möglichst wenigen Vorschriften und Einengungen kritische, nicht kommerzielle Kulturarbeit stattfindet, in der soziale und politische Initiativen, oft auch gemeinsam, arbeiten. An die fünfzig parteiunabhängige Gruppen benutzen, gegen ganz geringe Beiträge oft auch unentgeltlich, die Räume des Amerlinghauses. Dazu kommen noch die fixen Bestandteile des Hauses - verein exil, Vereinigung für Frauenintegration, Kindergruppe Amerlinghaus. Führende sozialdemokratische PolitikerInnen Wiens der Siebzigerjahre (Fröhlich-Sandner, Gratz, Zilk) verstanden und schätzten den Wert des Amerlinghaus, für das politische Klima in der Stadt. Sie erkannten auch die Umwegrentabilität solcher Einrichtungen. Die damalige Vizebürgermeisterin sagte noch wenige Monate vor ihrem Tod 2008, bei einer Podiumsdiskussion im WUK, dass Arena, Amerlinghaus, WUK und ähnliche alternative Einrichtungen der öffentlichen Hand viele Kosten im Gesundheits-, Polizei- und Justizwesen ersparen. Leider ist dieser Gedanke unter den heutigen Politikern nicht mehr so einsichtig.
Seit vielen Jahren wurde die Subvention für das Haus nicht mehr erhöht und vorher auch nur marginal. 1978 und in den ersten Jahren danach konnte mit der Subvention folgendes bezahlt werden: neun Vollzeitangestellte, die Miete, die Energiekosten, reichlich Büro- und sonstiges Material und dann blieben noch 200.000 öS als Veranstaltungsbudget. Durch die ständigen Teuerungen, Miet- und gesetzlichen Lohnerhöhungen schrumpfte der Wert der Jahressubvention auf einen Bruchteil. Es wurde gespart und gespart wo es nur geht, vor allem beim Personal. Seit Jahren arbeiten im Amerlinghaus nur mehr drei Personen mit 27,5 Wochenstunden und eine Vollzeitreinigungskraft, dann sind sich bis letztes Jahr noch die Miete und die Energiekosten ausgegangen. Mehr Sparen ist nicht möglich. Aus Schluss! Seit zwei, drei Jahren werden Defizite gemacht. Wenn es zu keiner Entschuldung und keiner Evaluierung der Subvention durch die Stadt kommt, dann kann das Amerlinghaus im Sommer 2010 seinen Betrieb einstellen. Zumindest das was das Haus bisher ausmachte, ist dann nicht mehr möglich. Irgendwas kann die Gemeinde schon mit dem Haus machen, aber dann hat sie einen der letzten Orte selbstbestimmten und geförderten Handelns in dieser Stadt preisgegeben.